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Geringas plays Bach plus

Johann Sebastian Bach: Suiten für Violoncello solo BWV 1007-1012;
Werke von John Corigliano, Anatolijus Šenderovas, Viktor Suslin, Pablo Casals/David Geringas, Sofia Gubaidulina, David Geringas, Ernst Krenek und Pēteris Vasks;
David Geringas (2000/2011)
ES-DUR/C2 Hamburg 2 CD, ES 2036 (146’)

Kulturradio Berlin
David Geringas […] ist gewiss ein Cello-Sänger vor dem Herrn. Sein schlackenlos schöner Ton, könnte man sagen, ist so Russisch, dass er schon geradezu Französisch ist. Klar und rein, man würde niemals einen brummigen, schürfenden oder schlürfenden Ton von ihm hören. Geringas verströmt an diesem Abend etwas musikalisch unerhört Gewaschenes und Geklärtes. […] Doch was für herrliche, unaufgetragene und unaufdringliche Musik. Und dieser Eindruck geht natürlich positiv aufs Konto des wunderbaren David Geringas.

 
Herrliche, unaufgetragene und unaufdringliche Musik mit David Geringas (Violoncello) und Ian Fountain (Klavier)

Bewertung:
Nach Mahler und Hindemith jetzt der dritte Teil von: Beethoven plus… Diesmal mit Richard Strauss. Das passt schon, denn Beethoven macht schließlich alles mit. Die Frage ist höchstens, wie es abfärbt. Strauss’ Cello-Sonate und Romanze F-Dur gewinnt zweifellos durch die Nachbarschaft und das ansteigende Gesamtgewicht. Beethovens Cello-Sonaten Nr. 4 und 5
aber kriegen auf diese Weise ein bisschen Himbeersoße ab, die herüberspritzt. Das macht ihn leichter, süffiger, kantabler. Aber auch lascher.

David Geringas, ein in Berlin bisweilen als Lokalmatador unterschätzter und von seinen Schülern zahlenmäßig überstrahlter Cellist (er ist der Lehrer von Johannes Moser, Sol Gabetta, Nicolas Altstaedt etc.), ist gewiss ein Cello-Sänger vor dem Herrn. Sein schlackenlos schöner Ton, könnte man sagen, ist so Russisch, dass er schon geradezu Französisch ist. Klar und rein, man würde niemals einen brummigen, schürfenden oder schlürfenden Ton von ihm hören. Geringas verströmt an diesem Abend etwas musikalisch unerhört Gewaschenes und Geklärtes. Was zu Beethovens Verstocktheit und Verstopftheit prima vista natürlich gar nicht passt.

Gestalterische Souveränität
Auf den zweiten Blick muss man zugeben, dass man sich als Hörer hier wirklich fallen lassen kann aufgrund der unanfechtbaren gestalterischen Souveränität. Das ist toll und wohltuend und auch selten, denn man hat endlich einmal nicht die neueste Ausgeburt von “Deutschland sucht den Klassik-Superstar” vor sich. Sondern einen in sich ausgereiften Interpreten, der aus
dem Vollen schöpfen kann. Deswegen sehe ich gern darüber hinweg, dass Beethovens letzte Cello-Sonate op. 102, Nr. 2, gespielt direkt nach Strauss’ Romanze, so becantesk gerät, dass ich gar nicht auf die Idee verfallen wäre, es mit Beethoven zu tun zu haben. Klang eher wie ein unterschlagenes Meisterwerk von Donizetti … Das liegt natürlich auch an Ian Fountain. Immer ein klangschön perlender, britisch lakonischer Begleiter, stiehlt er am Klavier niemals die Show. Er bleibt immer munter, immer
drunter. Und lässt den Cellisten dadurch steigen. Man könnte auch härter sagen: Der Zimmerspringbrunnen plätschert und murmelt zu dezent, wodurch Strauss nicht triftiger wird und Beethoven das Rückgrat fehlt.
Da hier zudem Nebenwerke von Strauss neben Meisterwerke von Beethoven treten, stellt der Abend einen Grenz- und Extremfall dar. Bei dem dennoch der Eindruck überwiegt, den ich öfters bei Kammermusikabenden habe: Wie viel besser ist doch diese Musik als die tausendfach abgenudelten Symphonien und Orchesterwerke. Das stimmt auch, zumindest
gemessen am Missverhältnis der Publikumsgröße, die mit ihnen erreicht werden. Kann sein, dass dieser Beethoven zu schön war, um wahr zu sein. Und dieser Strauss zu süß, um satt zu machen. Doch was für herrliche, unaufgetragene und unaufdringliche Musik. Und dieser Eindruck geht natürlich positiv aufs Konto des wunderbaren David Geringas.

Quelle: kulturradio RBB

Kai Luehrs-Kaiser, 15. Mai 2014


Gewaltige Energieschübe
Der Cellist David Geringas spielt Strauss und Beethoven

Wenn man hört, wie eindringlich sprechend David Geringas auf dem Cello seine Transkriptionen von Strauss-Liedern spielt, liegt die Umkehrung eines Gemeinplatzes der musikalischen lnterpretation nahe: Hier könnten einmal Sänger von einem Instrumentalisten etwas lernen.

Kein schlechter Beitrag zum Richard-Strauss-Jahr, den Geringas da für den Reigen der Zugaben aufgehoben hat, mit denen er jetzt seinen Zyklus „Beethoven plus“ im Kammermusiksaal beschließt.

Das Plus war in diesem Fall der große Geniestreich des damals 19-jährigen Richard Strauss, seine Cellosonate, die allenfalls in der gestischen Prägnanz und der der Neigung zu sentimental einbrechenden und banal sequenzierenden Seitenthemen schon den späteren Komponisten verrät, sonst aber ganz und gar in die klassisch-romantische Tradition des 19. Jahrhunderts gehört. Beeindruckend im Konzert sind vor allem die großen Kraftreserven, aus denen David Geringas den Kantilenen Flügel verleiht, mit Macht sich weitend im prunkvollen Beginn des ersten Satzes, endlose Räume erschließend im Andante.

Was bei Strauss trotz dieses Abhebens aber doch eher bodenständigen Effekt macht, entführt in den beiden späten Beethoven-Sonaten tatsächlich in ganz andere Welten, in rätselhafte Zeichenräume des Schönen, des Bewegenden, der Bedeutung. Als „Freie Sonate“ hat Beethoven das C-Dur-Stück im Autograph bezeichnet, bei Geringas und seinem Klavierpartner Ian Fountain ist sie ein beseeltes Spiel von Klangflächen, Melodien, die manchmal wie aus dem Nichts erscheinen, und bohrenden Rhythmen.
Auch die D-Dur-Sonate erklingt als Musik voller Fragezeichen bei aller Gedrängtheit der Form des ersten Satzes. Fast tonlos schleicht zunächst das Choralthema des Adagios voran, das sich in gewaltigen Energieschüben entwickelt. In den subtilen Phrasierungen und Farben sind Geringas und Fountain ein perfekt eingespieltes Duo, auch das Klavier gibt stets eindringliche Impulse. Solche Kunst des Zusammenspiels gipfelt in dem wohl eigenwilligsten Stück der Celloliteratur, der
abschließenden Fuge voll polternder Stimmführungen und stachliger Dissonanzen. Geringas und Fountain gelingt eine Darstellung, in der gestische Prägnanz und Durchsichtigkeit sich in kaum für möglich gehaltener Einheit entfalten.

Quelle: Berliner Zeitung

Peter Uehling, 16. Mai 2014


Fonoforum
… in dieser Inter­pretation klingt alles auf ganz natürliche Weise verbindlich, hier geht es nicht um Effekte, sondern um tiefe Empfindung. Geringas hat eine Ebene der Gestaltung erreicht, die völlig durchlässig ist für die Botschaft der Musik, er ist frei davon, irgendetwas „hineinlegen“ zu wollen in seine Interpretation im Sinne eines individualistisch aufgesetzten Ausdruckswillens.

 
Bach spricht
Es gibt Geiger und Cellisten, die sich nie durchringen können, eine Art „definitives“ Wort zu Bach zu sagen und dieses in einer Aufnahme niederzulegen. David Geringas gehört nicht zu ihnen. Er hat nun seine dritte Aufnahme der Solosuiten vorgelegt und damit, vielleicht kann man es so sagen, auch eine Art Summe seines Künstlerlebens gezogen. Ein Gedanke, der sich zumindest aufdrängt, denn in dieser Inter­pretation klingt alles auf ganz natürliche Weise verbindlich, hier geht es nicht um Effekte, sondern um tiefe Empfindung. Geringas hat eine Ebene der Gestaltung erreicht, die völlig durchlässig ist für die Botschaft der Musik, er ist frei davon, irgendetwas „hineinlegen“ zu wollen in seine Interpretation im Sinne eines individualistisch aufgesetzten Ausdruckswillens. Über der Aufnahme liegt etwas Beruhigendes, das kann man als das Ergebnis einer jahrzehntelangen Auseinandersetzung mit der Materie deuten, was letztlich zu einer tiefen Vertrautheit führt, die auf den Hörer übergeht.
Das Gestirn Bach steht wie ein Wegweiser über allen Komponisten, die sich zutrauen für Solocello zu schreiben. David Geringas hat für sein Bach-Projekt einige zeitgenössische Miniaturen ausgewählt und als kurze Kontrapunkte den einzelnen Bach-Suiten vorangestellt bzw. mit ihnen verbunden. Eine Wanderung zwischen musikhistorischen Welten, die aber durch Konzept verbunden sind. „Epilog“ und Schlusspunkt dieses kreativen Bach-Projektes ist das originelle Fragment aus „Gramata cellam“ des lettischen Kompo­nisten Pēteris Vasks. Hier wird die Stimme des Cellisten als überraschendes Ausdrucksmittel einbezogen. Eine Besonderheit ist auch, dass in dieser Einspielung diverse Instrumente zu hören sind. Die Suiten Nr. 1 und Nr. 5 sowie alle zeitgenössischen Werke spielt Geringas auf einem Giovanni Battista Guadagnini von 1761, die Suiten Nr. 2, 3 und 4 erklingen auf einem Giuseppe Guarneri del Gesù von 1731, für die Suite Nr. 6 kam ein 1985 gebautes fünfsaitiges Cello von Hubert Schnorr zum Einsatz. Die Tontechnik hat den Klang der Instrumente sehr authentisch eingefangen. Der Begleittext von Lutz Lesle ist sehr informativ und lesenswert.

Quelle: www.fonoforum.de

Norbert Hornig, Juni 2012


Concerti
Zeitlose Gültigkeit
Traumwandlerisch stilsicher, lupenrein intoniert und mit einem Seelenton, der berührt – so spielt David Geringas die sechs Cello-Suiten von Bach.

 
Jenseits der interpretatorischen Moden, die zwischen vibra­toseliger Romantisierung und staubtrockener historischer Korrektheit schwanken, lebt das Bach-Spiel des Rostropowitsch-Schülers von einer zeitlosen Gültigkeit. Alles ist sanglich erfühlt, alles ist strukturell durchdrungen, alles klingt: Geringas verbindet Reinheit und Wärme des Klangs auf wunderbare Weise. Im Sinne der gegenseitigen Vertiefung und Verinnerlichung interpoliert der Meistercellist seinen Bach mit zeitgenössischen Werken von Pablo Casals bis Peteris Vasks.

Quelle: www.concerti.de

Peter Krause